Die Mitglieder der Arbeitskreise Heimische Orchideen gaben bei der Herbsttagung im thüringischen Arnstadt die Jahres-Orchidee bekannt. Das Motto der Tagung 2016 lautete: "Orchideen im Wald", da passt das Weiße Waldvögelein perfekt hinein.

 

Weißes oder Bleiches Waldvöglein

Cephalanthera damasonium (Bild: Emilio Esteban-Infantes / Flickr)

Wie sieht das Weiße/Bleiche Waldvögelein aus?

Das Weiße oder bleiche Waldvögelein (Cephalanthera damasonium, Synonyme C.alba/grandiflora) gehört in die Familie der Orchidaceae=Orchideen/Knabenkrautgewächse.

  • Wuchshöhe 30-60 cm, der Stängel des Weißen Waldvögleins ist 10-60 cm hoch, am Grunde mit 1-2 dunkelbraunen, häutigen Schuppenblättern.
  • Stängel mit 3-6 dunkelgrünen stängelumfassenden eher breiten Laubblättern, die bis zum mittleren an Größe zunehmen, dann wieder abnehmen. Sie stehen waagrecht bis aufwärts gerichtet.
  • Blüte elfenbeinfarbig, meist halb geschlossen, 2,5-3,5 cm breit, Blütenblätter vorne abgestumpft. Lippe seitlich aufgewölbt, vorne rötlich bis dottergelb mit 3 erhabenen Längsstreifen. Lippe zweigliedrig, hinteres Glied ausgehöhlt.
  • Der kahle Fruchtknoten ist gedreht
  • Der Blütenstand umfasst bis zu 16 Blüten
  • Typisch: die Blüten stehen aufrecht. Häufig sind sie wenig geöffnet.
  • Die Blüten öffnen sich erst ab 25° vollständig!
  • Blütezeit von Mitte Mai bis Mitte Juli.
  • Die Fruchtreife erfolgt spät ab Mitte Oktober.
  • Unzählige Samen, aber wo kein geeigneter Pilz (Mykorrhizza) keimt der Same nicht.

Wieso nennt man eine Blume "Waldvögelein"?

Im Pflanzenreich kommt es nicht selten vor, dass ein Tiername eine Pflanze bezeichnet.

Gesagt wird Waldvöglein, gemeint ist eine Orchideengattung Cephalanthera.

Von romantischem Duft ist die herrliche drei Arten umfassende Cephalanthera umweht. Ihr überraschendes schwebendes Auftauchen kann man wirklich mit einem überraschend erklingenden Gesang eines Waldvögleins vergleichen.

Weitere Erklärung: Die Blütenform des Weißen Waldvögleins erinnert an einen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln.

Die Endung –lein (Suffix) ist eine Verkleinerungsform, also kein großer Vogel, sondern eben ein zierliches Vögelein.

Eigentlich sollte man ja das Langblättrige/Schwertblättrige Waldvögelein, Cephalanthera longifolia, eher als Weißes Vöglein bezeichnen, ist doch dessen Blüte wirklich reinweiß.

Deshalb passt meiner bescheidenen Auffassung nach die Bezeichnung Bleiches Waldvögelein für Cephalanthera damasonium besser. Aber bitte.

Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch noch das Rote Waldvöglein, Cephalanthera rubra.

Hier kurz die auffälligsten Unterscheidungen:

Achtung Verwechslungsgefahr!

Cephalanthera damasonium

100_4505 (Bild: Cassiopée2010 / Flickr)

Cephalanthera longifolia

SWORD-LEAVED HELLEBORINE Cephalanthera longifolia (Bild: naturalhistoryman / Flickr)

Weißes/Bleiches Waldvögelein

  • Blätter eher breit
  • Blätter ungefaltet, stängelumfassend
  • Blüten cremeweiß
  • Blüten aufrecht, häufig geschlossen
  • Perigonblätter vorne stumpf

 

Schwertblättriges Waldvögelein

  • Blätter eher schmal
  • gefaltet und zweizeilig angeordnet
  • Blüten sind reinweiß,
  • Blüten waagrecht ausgerichtet
  • die Flügel quasi ausgebreitet
  • Perigonblätter spitz

Wo kommt das Waldvögelein vor?

In vielen Bundesländern in Deutschland ist die wildwachsende Orchidee Cephalanthera damasonium zu finden. Sie benötigt als Grundlage Zechstein oder Sedimente des Muschelkalks und kann sich auch auf Löß und Lößlehmböden wohlfühlen. Bevorzugter Wuchsort sind lichte Wälder, lockere, meist kalkreiche Böden. Buchen- Tannenwälder.

Deutschland

In Deutschland meidet das Weiße Waldvöglein die Regionen mit weitgehend kalkfreien Böden. Daher ist es im norddeutschen Tiefland bis zum Rand der Mittelgebirgsschwelle, dem Bayerischen Wald, dem Schwarzwald und in Bayern zwischen Alpenvorland und Donau sehr selten bis fehlend.

Schweiz

In der Schweiz liegen die Hauptverbreitungsgebiete in der Nordschweiz und um die größeren Seen (Genfersee, Vierwaldstättersee, Neuenburgersee, Brienzersee und Thunersee), sowie entlang des Rhein- und des Rhonetals. In der restlichen Schweiz ist das Weiße Waldvöglein bisher nur sehr selten nachgewiesen worden.

Österreich

In Österreich kommt das Weiße Waldvöglein in allen Bundesländern vor und ist nur in wenigen Gebieten gefährdet. (Quelle Wikipedia)

Weitere Vorkommen in Mittel- Südeuropa, nördlich bis England, steigt bis 1200m.

 

Cephalanthera damasonium (Bild: AHO Thüringen)

Copyright der Bilder vom AHO: AHO-Thüringen e.V., Hohe Str. 204, 07407 Uhlstädt-Kirchasel.

Natur des Jahres 2018

Weitere Artikel und Porträts der Arten, die zur Natur des Jahres 2018 gewählt wurden, finden Sie natürlich auch bei uns:

Hier wächst das Waldvöglein gerne

Weil die Pflanze nur wenig Licht braucht, ist sie in aller Regel in Buchenwäldern, die können auch mit Hainbuchen oder mit Eichen bestückt sein, zu finden; ebenso in Fichten und Tannenforsten. Wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, wie etwa in Nord- und Nordostdeutschland sowie in manchen Mittelgebirgen, kann die Orchidee selten werden.

Typisch: An beschatteten Stellen wachsen die Pflanzen meist einzeln mit waagrecht stehenden Laubblättern, an lichteren Stellen neigt die Art zur Büschelbildung mit steif aufrecht stehenden Blättern. (Abb. AHO Thüringen)

 

Wissen Sie, wie lange eine Orchidee bis zur ersten Blüte braucht?

Auch wenn die Kapselfrüchte unzählige winzige Samen produzieren, ohne den lebensnotwendigen Pilz, der die Nährstoffe liefert, wird es nichts mit einem Orchideenteppich. In alten ungestörten Waldbeständen hat sich meist eine gute Bodenschicht mit Pilzbeständen ausgebildet. Bäume, Pilze und das Waldvöglein leben symbiotisch miteinander.

  • Nach der erfolgreichen Keimung wächst die Pflanze dann jahrelang nur unterirdisch, ernährt sich von Pilzen (Mykorrhiza).
  • Die Blätter erscheinen erst nach 9 Jahren, ein Jahr darauf die ersten Blüten!!!

Schon aus diesen Gründen ist es so wichtig sorgsam in Orchideengebieten umzugehen. Auch für tolle Fotoabschüsse darf man nicht über "Leichen" gehen, sondern halt notfalls das Zoom bemühen.

Gefährdung und Schutz

Wichtig für den Erhalt des Weißen Waldvögleins ist eine rücksichtsvolle Waldwirtschaft. Auch der Erhalt von Altbäumen ist notwendig, denn dort herrscht meistens das beste Bodenklima. In alten Waldbeständen hat sich nämlich eine gute Bodenschicht mit Pilzbeständen ausgebildet. Radikale und zerstörerische Waldnutzungsmethoden können daher ganze Bestände ausrotten.

Der Namensherkunft auf der Spur

Weißes/Bleiches Waldvöglein, botanisch Cephalanthera damnasonium, wie leitet sich der Name her?

  • gr. kephalos=Kopf, anthera=Blume; Cephalanthera= Blume mit Kopfform, darauf deuten auch alte deutsche Bezeichnungen wie "Kopfständel", "Kopforchis" hin.

 Kommen wir zu Orchis, Orchideen, Orchidaceae.

  • gr. orchis=Hoden: hier schlägt die Ähnlichkeit zu: Orchidaceae haben zwei hodenförmige Zwiebel.
  • Die Bezeichnung Knabenkraut, Orchideengewächse, Knabenkrautgewächse, kommt nicht davon, weil nur Knaben sie entdecken können (anno dazumal waren alle Forscher/Botaniker natürlich männlich), sondern weil man dachte durch das Verspeisen von Orchideenzwiebeln (sprich pflanzliche Hoden) sei Mann dann fähig Knaben zu zeugen.

Nicht nachmachen, denn nicht alle Orchideen und Pflanzenteile sind ungefährlich.

Sind Orchideen eigentlich giftig?

Giftig oder nicht? Botaniker haben rund 30.000 verschiedene Orchideen-Arten ausfindig gemacht. Noch wurden nicht alle Arten von Orchideen auf ihre Giftigkeit geprüft. Darum gibt es keine endgültige Beantwortung der Frage, ob Orchideen giftig sind. Manche sind sogar Heilpflanzen, auch in der Kosmetik sind Orchideen mittlerweile sehr beliebt.

Diese Orchidee, nur so nebenbei erwähnt, ist allerdings ein beliebtes Genussmittel: So wird die Orchidee Vanilla planifolia zum Aromatisieren von Lebensmitteln kultiviert und ist uns als Bourbon-Vanille bekannt.

Botanisches Glossar: Was ist typisch für Orchideengewächse?

Die Blütenhülle besteht aus 3 äußeren (Sepalen) und 2 inneren (Petalen) Perigonblättern und aus einer Lippe (Labellum), die aus den Staubblättern entstanden ist. Das einzige fruchtbar gebliebene Staubblatt (Ausnahme Frauenschuh) ist mit dem Stempel zu einer Säule verwachsen. Der Inhalt der Staubbeutelfächer ist zu Pollinien verklebt (einige Ausnahmen). Der Fruchtknoten ist unterständig. Die Frucht ist eine mit Längsspalten aufspringende Kapsel. Winzige Samen mit mehreren Tausend pro Frucht. (Flora Helvetica)

Quellen

Neben den Informationen der deutschen Arbeitskreise Heimische Orchideen (AHO)

  • Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen, Genaust; Nikol Verlag, 2012 Hamburg
  • Flora Helvetica, Lauber/Wagner; Haupt Verlag, 2014 Bern
  • Alpenpflanzen in ihren Lebensräumen, Mertz; Haupt Verlag, 2008 Bern
  • Blick ins Buch der Natur, Bardorff; Gutenberg, 1963
  • Die deutschen Pflanzen- und Tiernamen, Helmut Carl; Quelle & Meyer, Wiesbaden 1995

 

 

 

Adele_Sansone, am 13.01.2017
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Bildquelle:
Jacopo Werther (Torfmoos-Fingerwurz, Orchidee des Jahres 2018)

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