Eine haarige Angelegenheit

Dass Pflanzen mit ihren Wimpern klimpern, wurde Ihnen ja schon gezeigt. Dass aber eine ganz und gar haarige pflanzliche Persönlichkeit so wunderbar mit ihrem Flaum glänzen kann, das gelingt außergewöhnlich gut der Gattung Pulsatilla.

Ob zaghaft knospend, voll aufgeblüht oder mit den fedrigen Fruchtständen - die Küchenschelle ist eine Pflanze für filigrane und spektakuläre Effekte; vom Ursprung her natürlich im Steingarten.

 

Filigran, haarig, spektakulär

Pulsatilla (Bild: https://pagewizz.com/kuhsch...)

Die Küchenschelle - ein botanischer Exkurs

Die Gattung Pulsatilla (Küchenschellen oder Kuhschellen) gehört in die Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). An die 60 Gattungen zählen zu dieser Pflanzenfamilie, eine der hübschesten dabei ist Pulsatilla.

Zu den Hahnenfußgewächsen gehören so bekannte Arten wie Hahnenfuß, Akelei, Buschwindröschen und Leberblümchen. Aber auch eher seltene Arten wie Adonisröschen oder Clematis, Winterling und die Schneerosen.

Gattung Pulsatilla/Küchenschellen:
Die Blütenkrone ist ein Perigon aus gleichgestalteten Blütenblättern, die häufig einer Glocke oder Schelle gleichen. Stängel sowie Blütenblätter sind behaart. Der stark behaarte Scheinquirl aus Hochblättern dient den Knospen als Frostschuzmäntelchen.

Die Griffel, bereits zur Blütezeit stark behaart, verlängern sich zur Fruchtreife. Am Ende bilden sie den wunderhübschen sogenannten "Hexenbesen". (Dass dieser hübche Wuschel auch noch zu anderen namentlichen, weniger schmeichelhaften Vergleichen führt, lesen Sie bitte unter den Volksnamen für die Küchenschelle.)

Es gibt Küchenschellen in blau, rosa, rotviolett, weiß, gelb und in dunkelstem violett. Bevorzugt wächst die Küchenschelle auf Kalk. Pulsatilla vernalis allerdings bevorzugt Silikat, Pulsatilla alpina apiifolia eher kalkarme Böden.

 

Schau mir in den Wuschel, Kleines!
Staubgefäße und behaarter Griffel ...

Staubgefäße und behaarter Griffel einer Pulsatilla (Bild: a.sansone)

Du bist mir aber ein Früchtchen!

Das ist in diesem speziellen Fall als Kompliment gemeint. Denn die reifen Früchtchen (Nussfrüchte) der gemeinen Küchenschelle Pulsatilla vulgaris können nicht nur mit Hilfe der federartigen Griffel bis zu 80 m weit fliegen. Die Früchte, die als Federschweifflieger bezeichnet werden, werden damit über die umgebende Vegetation erhoben. Bei trockenem Wetter reißen Windstöße die einzelnen Federschweife aus den Fruchtköpfchen heraus und tragen sie weit fort (Meteorochorie).

Mehr über Wuschel. Wauderl, Pusteblume

 

Die hygroskopischen Haare stehen bei Trockenheit ab. Sie haben die Eigenschaft Wasserdampf aufzunehmen. Bei eintretender Luftfeuchtigkeit bohren sie sich dann, wie ein kleines Tierchen, einige Umdrehungen weit mit der Spitze in die Erde.

Wer sich den Spaß macht und einige Federschweife in einen Topf nur ganz leicht mit der Spitze einsetzt, kann dieses Hineinbohren ganz toll selber beobachten. Einfach trocken halten; dann mit einem Zerstäuber etwas Feuchtigkeit aufsprühen - und - schwupp-di-wupp - erwachen die Härchen zum Leben.

Pulsatilla halleri (Bild: https://pagewizz.com/kuhsch...)

Kuh, Küh-chen, Küchenschelle

Fangen wir mal beim botanischen Namen an.

  • Der wissenschaftliche botanische Name ist ja noch leicht erklärt:
    pulsare lat.=stoßen, läuten; Bezug auf die Glockenform der Blüten.
  • Pulsatilla = kleines Glöckchen

Aber die vermaledeite Küchenschelle oder doch Kuhschelle? Woher kommt die?

Wie kommt die Küche in die Kuhschelle?

  • Schelle, so nimmt man an, bezieht sich auf die glockenförmige, im Wind hin und her baumelnde Form der Blüte.

Da die Pflanze, die ja giftig ist, eigentlich nie in der Küche verwendet wurde (außer etwa zur Beseitigung eines unlieben Zeitgenossen - aber dann müsste sie ja eigentlich Mordsschelle genannt werden) gibt es -wie so oft - mehrere Deutungsmöglichkeiten:

  • Gucke, Kucke mdal. = halbe Eierschale, aus dem wurde dann im Volksmund Küchlein (von Küken), später Küche. Äh, ja. Soso.
  • Kuhschelle - weil die Form an eine Kuhglocke erinnert. (Das leuchtet oder läutet eher ein).

Die Kuhschelle als Namensgeber wäre also verständlich. Die Blüte sieht auch wirklich einer niedlich kleinen Schelle ähnlich. Also die Schelle einer Kuh ist demnach die Kuhschelle. Und die Küche???

  • Kuhschelle klingt aber so vulgär. Also macht man aus der Kuh eine kleine Kuh, ein Küh-chen.
  • Klugscheißer - und die gab es sicher schon bereits in vorherigen Jahrhunderten, sahen in "Kühchenschelle"eine vermeintlich falsche Schreibweise und so landete am Schluss die Kuh in der Küche.

Weitere liebevolle durch die Fantasie beflügelte Volksnamen für die Kü(h)chen-Schelle:

  • Haarmandl (Tirol)
  • alte Gitsche, Pfaffenbluame, Rauchblume (Salzburg)
  • Teufelsbart, Petersbart, Bocksbart (für den zotteligen Fruchtstand)
  • Haarmännli, Hutzelmännle
  • Wuschelkopf
  • Zodada Jaga (= Zotteliger Jäger)

Der auf jeden Fall skurrilste Name, wiederum auf den Fruchtstand gemünzt, lautet:

  • "Haar-im-Arsch". Na bumm.

Der begeisterte Ausruf beim Wandern, so man die erste Küchenschelle erblickt, der dann lautet: "Jö, schau. Das erste Haar-im-Arsch!" Entsetzlich!

Bleiben wir doch lieber bei der Kü(h)chenschelle, auch wenn sie falsch geschrieben ist.

Schwefel-Anemone / Pulsatilla alpina subsp. apiifolia
Pulsatilla alpina

Pulsatilla alpina (Bild: https://pagewizz.com/kuhsch...)

Pulsatilla - eine Heilpflanze der Homöopathie

Ihr vordringlichstes Merkmal sind die Bitterstoffe. Bitterstoffe finden schon seit Jahrhunderten in der Heilkunde Verwendung; bei Verdauungsbeschwerden, aber auch Blutarmut und Schwächezuständen. Allerdings ist die richtige Dosierung immens wichtig.

In frischem Zustand ist die Pflanze giftig. Die toxischen Inhaltstoffe der gemeinen Küchenschelle Pulsatilla vulgaris sind Protoanemonin und Anemonin

Äußerlich: Hautrötungen bis zu Hautentzündungen beim Kontakt mit der frischen Pflanze sind möglich.

Innerlich: Bei Einnahme Erbrechen, Übelkeit bis zu Kreislauf- und Atemlähmungen.

Die getrocknete Pflanze allerdings ist nur schwach giftig. In der Homöopathie wird Pulsatilla als Konstitutionsmittel für vielerlei Beschwerden verwendet.

Pulsatilla Wuschelköpfe

Pulsatilla - Federschweifbüschel (Bild: https://pagewizz.com/kuhsch...)

Küchenschellen im Garten

 Wenn man sich darauf besinnt, wo die Küchenschellen wild vorkommen, dann bietet man ihnen diese Plätze an:
Standort: sonnig bis Halbschatten

Boden: mager, mager, mager. Am besten sind Kies- oder Geröllböden. Eine Prise Kalk, in Form von zerkleinerten Eierschalen, tut gut. Keinsfalls Rhododendrondünger verwenden, der macht den Boden sauer. Sauer mag nur die Schwefel-Anemone.

Merksatz: Soll dir die Pulsatilla gelingen, darfst du sie nicht düngen!

Wasser: Auf ihren natürlichen Standorten sind sie an Trockenstress gewöhnt. Also lieber einmal zu wenig als zu viel gießen.

Tipp von den Gärtnern: Wer geduldig ist, sät die Küchenschelle am besten selbst vor Ort aus. Frischer Samen (ein abgepflückter Federschweif in den Boden gesteckt) gedeiht am besten. Allerdings muss man bis zur Blüte dann ein, zwei Jahre warten.

Wer ungeduldig ist, besorgt sich eine Pflanze aus einer spezialisierten Gärtnerei (Steingarten).

Gut gedeihen die gewöhnliche Kuhschelle und die Frühlings-Kuhschelle. Hybriden (Kulturzüchtungen) von Pulsatilla vulgaris und Pulsatilla grandis gibt es in sehr schönen Sorten.

Die übrigen Pulsatilla-Arten stellen so spezifische Anforderungen, dass sie im Wesentlichen auf Botanische Gärten/Liebhaber-Gärten beschränkt bleiben.

Darf ich vorstellen? Einige Pulsatilla-Arten

 

  • Pulsatilla albana: Gelbe glockenförmige Blüten. Stark behaart.
  • Pulsatilla alpina: Alpen-Küchenschelle: Die Blüte ist weiß, Außenseite violett überlaufen. Anfangs glockig, voll erblüht sternförmig. Sie gedeiht subalpin bis alpin (1500 - 2800m) auf kalkhaltigen, lockeren Böden, in Matten und auch Latschengebüschen. Zerstreut bis selten.
  • Pulsatilla alpina subsp. apiifolia: Schwefel-Anemone: Eine gelb leuchtende Kuhschelle, erinnert stark an Anemonen. Wenig behaart. Ihr Fruchtstand wird "Bergmannli" genannt.
  • Pulsatilla bungeana: Eine niedrige (5 cm) veilchenblau blühende Art aus Sibirien.
  • Pulsatilla grandis: Nach der Eiszeit von Süd- und Südwesteuropa nach Mitteleuropa gewandert. Eine Hybridisierung von P. grandis und P. vulgaris ist Grundlage der Gartensorten.
Hast du Töne! Kuhschellen - von hell bis dunkel

Pulsatilla vernalis (Bild: https://pagewizz.com/kuhsch...)

  • Pulsatilla halleri:  Blätter unpaarig gefiedert und die Fiedern sind nochmals geteilt. Blüten aufrecht.
    P. halleri subsp. slavica: Endemiten vom Balkan/Griechenland mit roter Färbung 
    P. halleri subsp. styriaca:
    Endemit in der Steiermark (Murgebiet)
  • Pulsatilla montana: Tiefblau bis dunkelviolett, nickend; Blätter stark gefiedert.
  • Pulsatilla pratensis: Wiesen-Kuhschelle, nickende Schellen; außen braun-violett angehaucht..
  • Pulsatilla patens: Finger- oder Sternküchenschelle; jung weißzottig, Blüten blauviolett, voll erblüht sternförmig ausgebreitet. Auf Magerrasen, Heiden, sehr selten.
  • Pulsatilla sulphurea: Eine gelb blühende Kuhschelle, Pyrenäen.
  • Pulsatilla vernalis - Frühlings-Küchenschelle: Die Farbe variiert von weiß bis zartviolett. Sie ist klein und stark behaart, filzig. Die Blüten stehen nur anfänglich aufrecht, dann sind sie nickend. 6 Blütenblätter. Die Grundblätter sind wintergrün. Auf Wiesen, Weiden und Zwergstrauchheiden, nicht allzu häufig. Kommt bis 3600 m vor. Von Nordeuropa, Dänemark bis Südeuropa zu finden.
  • Potentilla vulgaris: Gewöhnliche Küchenschelle. Diese Art ist die Urmutter vieler Gartenzüchtungen. Volkstümlicher (treffender) Name: Pelz-Anemone. Die Blüten aufrecht, nur bei Schlechtwetter nickend. Sie ist auch gut in Steingärten zu halten.
  • Pulsatilla vulgaris subsp.oenipontana: Innsbrucker Küchenschelle, eine endemische Art aus dem engen Innsbrucker Raum. Zartviolett.

 ... halleri=benannt nach Albrecht Haller (1708-1777)

Lesetipp: Woher kommen botanische Bezeichnungen und was bedeuten sie?

Quellen

... durch meine ehrenamtliche Arbeit an einem botanischen Garten an der "fotografischen Quelle"

  • Flora Helvetica, Lauber/Wagner; Haupt Verlag, 2014 Bern
  • Alpenpflanzen in ihren Lebensräumen, Mertz; Haupt Verlag, 2008 Bern
Adele_Sansone, am 04.04.2014
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Bildquelle:
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https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Wer sind die ersten blühenden Alpenblumen?)
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Glockenblumen - Wie viele Arten kennen Sie?)

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